Hier finden Sie Textauszüge aus unserem aktuellen Programm.

"Es geht auch anders!" von M. Scheffler und U. Baer

"Es geht auch anders!" von M. Scheffler und U. Baer

Vorsicht, der Spieß kommt! Oder: Wer will sich schon gerne erwischen lassen?

Wir haben einen neuen Bewohner. Wir wissen noch gar nichts über ihn und sein Leben. Wir sehen, dass er eine Lähmung mit einer Spastik im linken Arm hat. Es stört ihn zurzeit offenbar nicht.

Er wird im Haus herumgeführt. Alle Räume werden ihm gezeigt, er ist sehr interessiert. Wir zeigen ihm ausdrücklich die Toilettenräume, die besonders gekennzeichnet sind. Kurz darauf geht dieser neue Bewohner, Herr S., in einen Nebenraum und uriniert dort. Auch in den nächsten Tagen urininert er an allen möglichen Stellen. Wird er zur Toilette gebracht, uriniert er nicht.

Herr S. verhält sich trotz aller Bemühungen, ihn zum Toilettengang zu bewegen, weiter so wie beschrieben. Nun bekommt er Inkontinenzmittel angelegt. Diese bleiben trocken und er uriniert weiterhin überall hin. Dieses Verhalten bringt alle zur Verzweiflung. Die anderen Bewohner/innen sind empört, das Pflegepersonal ist ratlos.Wir bemühen uns, mit Herrn S. ins Gespräch zu kommen und fragen, was er früher denn so gemacht hat. Er erzählt aus vergangenen Tagen. Er war beim Bundesgrenzschutz.

Zum Ende seiner Dienstzeit war er in der Schreibstube, verteilte dort auch die Post.

„Wo waren denn dort die Toiletten?“„Die waren immer kalt und ungemütlich. Außerdem waren die immer weit weg.“ Er erzählt, dass er immer überall hin uriniert hat. Das war zwar verboten, aber man durfte sich eben nicht erwischen lassen. Nun achten wir darauf, wo er hingeht. Wenn wir befürchten, dass er in eine Ecke des Hauses urinieren wird, sagen wir: „Vorsicht, gleich kommt jemand vorbei und erwischt Sie!“ Oder: „Achtung, der Spieß kommt!“ Dann kommt er mit zur Toilette und uriniert dort. Wer will sich schon gern erwischen lassen?

"Wie Traumata in die nächste Generation wirken" von U. Baer u. G. Frick-Baer

"Wie Traumata in die nächste Generation wirken" von U. Baer u. G. Frick-Baer

Von der Erschütterung und Neugier zum Forschungsprojekt

Ella D. – ihr Name ist wie alle anderen in diesem Buch verändert – zeigte alle Symptome eines Posttraumatischen Stresssyndroms. Sie wurde von Bildern sexueller Gewalt heimgesucht, sie begegnete sich und ihrer Welt mit hoher Anspannung und dauerhaft erhöhter Erregung, sie war ängstlich und wagte kaum, ihren eigenen Gefühlen zu lauschen, geschweige denn, sie zu zeigen, und vermied Situationen, vor und in denen sie Angst hatte oder das Aufkommen von Angst befürchtete. Während einer Verhaltenstherapie probierte sie zahlreiche Verhaltensänderungen aus, meisterte manche Alltagssituationen besser, scheiterte aber in der Bewältigung ihrer als existenziell erlebten inneren Ängste. Diese Ängste und die Anspannung blieben oder kehrten nach kurzer Zeit wieder zurück und hatten bedeutsame Auswirkungen auf ihr Leben. Innerhalb einer leiborientierten tiefenpsychologisch fundierten Therapie fand sie den für sie geeigneten Rahmen und Boden, ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstsicherheit zu entwickeln und zu erhöhen und ihre Grundspannung zu vermindern. Aber auch wenn es ihr besser ging: Die alten Bilder kamen immer wieder und die Ängste lauerten weiterhin zumindest unter der Oberfläche. Sie und ihre Therapeutin gingen gemeinsam auf die Suche, ob eine Erfahrung sexueller Gewalt vorlag, so offensichtlich waren die Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung, also einer chronifizierten Folge einer traumatischen Erfahrung. Doch sie gingen mit ihrer Suche ins Leere, es fanden sich keine Hinweise auf eine biografische Quelle der Phänomene, unter denen Ella D. litt. Die Therapie stockte.

Die Klientin war Mitte der 1950er Jahre geboren worden. Dass der Vater als Jugendlicher am Ende des Zweiten Weltkriegs eingezogen wurde und als Flakhelfer aktiv war, hatte die Klientin erzählt, von der Biografie der Mutter allerdings kaum etwas. Die Therapeutin bat Ella D., ihre Mutter zu fragen, was sie im Krieg und in der Zeit danach erlebt hätte. In die nächste Therapiestunde kam Ella D. sehr aufgeregt und erzählte: „Meine Mutter war im Krieg ja ein junges Mädchen und hat sich vor allem auf dem Land bei Verwandten aufgehalten, so dass sie von den Bomben und so nichts mitbekommen hat. Dass ist das, was ich bisher als offizielle Version aus dem Leben meiner Mutter wusste, das ist das, was bei uns zu Hause erzählt wurde. Doch als ich jetzt meine Mutter fragte und sie ganz dringlich gebeten habe, mir von sich zu erzählen, wurde sie kreidebleich und erzählte mir irgendwann, nachdem ich noch ein paar Mal nachgefragt habe, dass sie 1946 vergewaltigt worden ist. Damals war sie 14 und ich glaube, das hat sie nie überwunden. Mit 19 ist sie dann noch einmal in eine Situation gekommen, wo sie kurz vor einer Vergewaltigung stand oder zumindest glaubte, dass es so wäre. Ich glaube, das steckt ihr noch in den Gliedern, und ich kann jetzt besser verstehen, warum sie immer so zurückhaltend war und so ängstlich.“

In der weiteren Therapie wurde deutlich, dass Ella D. den traumatischen Schrecken ihrer Mutter übernommen hatte, ihn sich „einverleibt“ hatte – obwohl oder gerade weil darüber nie gesprochen worden war. Sie hatte und lebte alle Symptome einer traumatischen Erfahrung, ohne diese Erfahrung zu haben, ihr Trauma war nicht ihr eigenes, selbst erlebtes, sondern ein transgeneratives, eines, das über die Generationen hinweg weitergegeben worden war.

Thomas S. kam wegen massiven Angststörungen in die Therapie. Er fand einige Quellen dieser Ängste in seiner Biografie. Dadurch veränderte sich seine Gefühlslandschaft, die nun weniger durch Angstgefühle geprägt war, und dadurch veränderten sich auch einige eingespielte Verhaltensmuster. Vieles wurde bearbeitet, Thomas S. malte sichere Orte und einen sicheren Rahmen und er malte seine Ängste: Eingesperrtsein, Dunkelheit, Enge. Er empfand es als hilfreich, die Botschaften des bildnerischen Ausdrucks zu verstehen. Die Ängste tauchten dennoch in seinen Träumen auf und verfolgten ihn tagsüber. In einem immer wiederkehrenden Albtraum war er eingesperrt, wollte schreien, konnte aber nicht.

Als der Therapeut ihn in einer Therapiestunde bat, seine zurückgehaltenen Schreie mit einem Musikinstrument auszudrücken, konnte er dies nicht. Das machte ihm zu viel Angst. Als der Therapeut ihn dann aber bat, für das Eingesperrtsein und die Enge einen musikalischen Ausdruck zu finden, wählte er eine große Pauke und schlug viele Minuten lang immer wieder auf diese Pauke. Der Klient hatte auf die Frage, was er gehört hätte, welche inneren Bilder in ihm entstanden seien, welche Erinnerungen in ihm ausgelöst worden seien, nur die Antwort:

„Ich weiß nicht. Ich versteh’s nicht. Ich bin vollkommen ratlos.“ Im Therapeuten waren beim Zuhören über die Klänge Bilder von Bombeneinschlägen entstanden und er fragte unvermittelt, sich auf seine Resonanz verlassend: „Wie alt waren Sie bei Kriegsende? Was machten Sie und Ihre Eltern damals?“

Thomas S. antwortete: „Oh, da war ich noch klein. Ich bin 41 geboren, da muss ich 45 gerade vier gewesen sein. Ich erinnere mich an nichts. Da muss ich mal fragen.“

Seine Eltern waren zum Zeitpunkt der Therapie bereits verstorben, aber er fragte eine Tante, die damals in der gleichen Wohnung mit seiner Familie zusammengelebt hatte. Sie erzählte ihm, dass die Familie, die damals im Ruhrgebiet gelebt hatte, oft nachts wegen Bombenalarm aus dem Bett gerissen worden war, um die Luftschutzkeller aufzusuchen. Er habe dann immer geschrien, was die anderen im Keller nicht aushalten konnten, so dass sie ihm den Mund zugehalten hätten. Er musste stillhalten, schweigen, die Angst und der Schrei blieben in ihm.

Dieses Erleben hatte sich in ihm festgesetzt und tauchte viele Jahrzehnte danach noch als Angst oder Schrecken auf, wurde und blieb lebendig. Er war eingesperrt im Bunker seiner Angst.

Der in den letzten Therapiestunden ein wenig stagnierend wirkende therapeutische Prozess von Thomas S. konnte sich nach dieser Phase des Erlebens und Erkennens seinem Ende zuneigen. Der verborgene Schrecken hatte aus dem Verborgenen heraustreten können. Er verlor so viel von seiner Kraft und Thomas S. konnte neue Wege der Bewältigung seiner Ängste finden. Als er und der Therapeut über die Beendigung der Therapie sprachen, sagte er: „Ich habe eine große Bitte: Kann mein Sohn zu Ihnen kommen? Er leidet unter Angststörungen. Mir hat man als Kind den Mund zugehalten, er ist Zahnarzt und sagt den Leuten immer: ‚Mund auf!‘ Auch wenn sich das fast witzig anhört: Ich habe große Sorgen um ihn, weil er ähnliche Ängs-te hat wie ich.“ Im therapeutischen Gespräch mit dem Sohn stellte sich he-raus, dass auch hier die Ängste des Thomas S. über die Generationen hinweg weitergegeben worden waren. Thomas S. konnte nicht über die Quellen seiner Ängste reden, weil er diese verdrängt hatte und weil er sich an sie nicht mehr erinnerte. Nur noch die Ängste waren da, nicht mehr das, was sie ausgelöst hatte. Der Sohn wurde mit diesen Ängsten groß und übernahm sie unwillentlich und unbewusst, selbstverständlich. Als der Vater dem Sohn von seinen Kindheitserfahrungen erzählte, fand dieser nicht nur Erklärungen für seine Ängste, sondern auch dafür, warum er trotz einer pazifistischen Grundeinstellung jahrelang Bücher über den Zweiten Weltkrieg verschlungen und eine Zeitlang sogar Militaria gesammelt hatte. Als das Schweigen durchbrochen war, waren die Ängste nicht weg, verloren aber einen Teil ihrer Kraft. Anteile ungelebten Lebens bekamen so eine Chance, gelebt zu werden.

Solche und ähnliche Erfahrungen weckten unser Interesse. Wir lernten von unseren Klientinnen und Klienten, dass traumatische Erfahrungen offenbar an die nächste Generation weitergegeben wurden. Die Weitergabe erfolgte offenbar umso intensiver und umso nachhaltiger, je mehr darüber geschwiegen wurde. Oft wurde gar nicht darüber geredet, manchmal wurde über traumatische Ereignisse erzählt, aber emotional geschwiegen. Die Botschaften des Schweigens entfalteten über Atmosphären, Tabus und viele andere Aspekte, die wir in diesem Buch vorstellen, ihre Kraft in der nächsten Generation.

Das machte uns neugierig und wir gingen auf Entdeckungsreise – auch bei uns selbst, in unseren eigenen Biografien.

Wir begannen, Fachliteratur zu studieren, und sichteten Berichte und Analysen von transgenerativer Traumaweitergabe bei Kindern und Enkeln von Holocaust-Überlebenden. In Deutschland war die Literatur sehr spärlich (siehe Literaturverzeichnis), das Thema der Folgen des Zweiten Weltkrieges für die erste und auch für die nächste Generation war jahrzehntelang in der Forschung und Publizistik ebenso verdrängt worden, wie traumatische Ereignisse von den Betroffenen dissoziiert werden. In den letzten Jahren hat erfreulicherweise das Thema auch in anderen Publikationen seinen Platz gefunden, vor allem, was die Folgen kriegstraumatischer Erfahrungen für die nächste Generation anbetrifft (Kriegskinder, Kriegsenkel …). Die lesenswerten Bücher wie die von Sabine Bode oder Anne-Ev Ustorf beschränken sich dabei auf die Weitergabe von Kriegstraumata, während wir die transgenerative Weitergabe jeglicher Traumata, auch der aus sexueller Gewalt resultierenden, in den Blick nehmen. Diese Bücher wurden von Journalistinnen verfasst, die dankenswerterweise die Öffentlichkeit auf ein kaum beachtetes Thema aufmerksam machen wollten und wollen. Uns fehlten Untersuchungen aus therapeutischer Sicht, die für die therapeutische Praxis zu nutzen wären.

Also begannen wir 2007 ein Forschungsprojekt. Wir werteten Therapieprozesse aus und führten 15 narrative Interviews mit Söhnen und Töchtern traumatisierter Menschen durch. Die interviewten Menschen wurden zufällig gefunden. Narrative Interviews sind Interviews, in denen Menschen aus dem Stehgreif, also ohne Struktur und ohne Vorbereitung, lediglich angeregt durch eine offene Fragestellung und konkretisierende Nachfrage über ihr Leben erzählen. Über Aushänge und Aufforderungen auf Veranstaltungen meldeten sich Personen, die mit uns Neugier und Interesse an dem Thema teilten und sich interviewen ließen.

Wir merkten, dass die in dieser Forschungsarbeit gewonnenen Erkenntnisse unsere therapeutische Arbeit bereicherten, und begannen, auf Kompetenztagen und in Fortbildungen Zwischenergebnisse zu veröffentlichen. Zahl und vor allem Intensität der Rückmeldungen erstaunten uns. Viele Menschen fanden sich in den beschriebenen Themen und Erfahrungen wieder, viele Therapeutinnen und Therapeuten interessierten sich dafür. Wir begegneten Menschen, die als „Generation zwischen den Generationen“, wie es ein Mann ausdrückte, erschüttert waren beim Blick auf ihre Kinder, denen sie alles Glück dieser Welt gewünscht hatten und wünschen – und die dennoch das Empfinden haben, an der Teilhabe am „lebendigen Leben“ gehindert zu sein. Diesen Menschen eröffnete sich durch die Beschäftigung mit ihren eigenen transgenerativen Traumata und die Kraft, die Botschaften des Schweigens innewohnt, auch eine Tür zum Verständnis ihrer Kinder („Die doch eigentlich keinen Grund haben, sich zu beklagen, so gut, wie sie es hatten“).

Diese Menschen, diese Eltern, berichteten, dass ihnen diese Sicht darüber hinaus geholfen habe, ein wenig Orientierung im Dschungel diffuser Schuldgefühle zu finden. Sie wollten sich in die Pflicht nehmen, mit ihren Kindern, v.a. ihren erwachsenen Kindern, zu sprechen, sich ihnen zu öffnen, und Verantwortung dafür übernehmen, das Schweigen zu brechen.

Wir beschäftigen uns hier in diesem Buch mit der transgenerativen Traumaweitergabe generell. Es bezieht sich auf traumatische Erfahrungen jeder Art, ob im Krieg oder durch den Krieg, ob in der Familie oder durch den Terror in sozialen Beziehungen und beruflichem Umfeld, ob durch sexuelle Gewalt oder andere Ereignisse.

Die Prozesse sowohl des Traumaerlebens als auch der transgenerativen Traumaweitergabe sind trotz unterschiedlicher Traumaereignisse sehr ähnlich, deswegen werden wir sie nicht gesondert behandeln oder unterscheiden und schon gar nicht gewichten. Die Differenzierungen je nach individueller Persönlichkeit und Verarbeitungsstrategien sind größer und weitaus bedeutsamer als mögliche Differenzierungen nach unterschiedlichen Traumaereignissen.

Hier stellen wir nun die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes vor. Es begann mit unserer Erschütterung über das Ausmaß an Leiden, das das Schweigen, das Verschweigen des Erlebens traumatischer Ereignisse in der nächsten Generation schafft, so wie wir es in unserer therapeutischen Praxis – zunächst vereinzelt – erfuhren. Als sich die Hinweise häuften, dass der transgenerative Aspekt der Traumaweitergabe und des Traumaerlebens für viele Menschen, die in der Therapie Hilfe suchen, von Bedeutung sein könnte, folgten wir mit Interesse und beteiligter Neugier diesen Spuren.

Das Buch wendet sich vor allem an Therapeut/innen und andere Fachkräfte, die professionell mit Menschen arbeiten. Um für möglichst viele Fachleute einen größtmöglichen praktischen Nutzen zu erzielen, haben wir auf die Darlegung der wissenschaftlichen Methodik ebenso verzichtet wie auf ausführliche Zitate und Veröffentlichungshinweise im Text (dafür verweisen wir auf unsere literaturliste). Die Interviews haben wir nummeriert, sie werden im Text als I 1, I 2 usw. gekennzeichnet. In Absprache mit den Interviewten haben wir manche Passagen leicht der Schriftsprache angeglichen. Es ist uns ein Anliegen, die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes in einer gut lesbaren und verständlichen Sprache zu präsentieren. Die Forschung soll der Praxis dienen und damit Therapeutinnen und Therapeuten Anregungen geben, die Hilfsmöglichkeiten für Klientinnen und Klienten zu erweitern.

Wenn dieses Buch auch außerhalb therapeutischer Fachkreise seine interessierte Leserschaft finden würde, wäre das eine besondere Freude für uns.

Wer sich mit der Weitergabe traumatischer Erfahrungen beschäftigt, kommt leicht in Versuchung, die traumatischen Erfahrungen der ersten Generation auszubreiten. Dies ist in gewissem Maße notwendig, um zu verstehen, welche traumatischen Ereignisse welches Traumaerleben zur Folge haben, wie dies nachwirkt und wie dies in die Erlebenswelten der nächsten Generation hinübergreifen kann. Und damit Therapeutinnen und Therapeuten die transgenerative Weitergabe traumatischen Geschehens überhaupt in Erwägung ziehen, müssen sie über einige Kenntnisse der Verbreitung und Qualität traumatischer Erfahrungen der ersten Generation verfügen. Wir wollen aber die Informationen über die Erfahrungen der ersten traumatisierten Generation, deren Erlebensfolgen an die zweite Generation weitergegeben werden, möglichst knapp halten, um ein Eintauchen der Leserinnen und Leser in allzu viele Erschütterungen zu vermeiden.

Wenn wir in diesem Werk von „zweiter Generation“ sprechen, so sind damit die Menschen gemeint, die an den Folgen nicht unmittelbar selbst erlebter Traumata leiden. Wir meinen die Menschen, die die verschwiegenen, emotional verdrängten oder dissoziierten Traumata der vorherigen Generation übernommen haben. Die Zuordnung zur zweiten Generation sagt also nichts über das Alter der Betroffenen und Betreffenden aus (sie können ebenso 12 wie 60 Jahre alt sein oder jedes andere Alter haben). Die Kategorien „erste“ und „zweite“ Generation haben keine historische, sondern eine subjektive Dimension. Die Angehörigen der zweiten Generation sind diejenigen, aus deren Sicht und individueller Lebensgeschichte heraus wir die Generation definieren. Sie sind in diesem Forschungszusammenhang im Rahmen dieses Forschungsprojekts die Klientinnen und Klienten, mit denen wir therapeutisch arbeiten und die wir interviewt haben.

Auch wenn wir in diesem Buch die Begriffe „erste“ und „zweite“ Generation unhistorisch benutzen, hat die transgenerative Traumaweitergabe doch eine historische und gesellschaftliche Dimension. Die Beschäftigung mit diesem Thema ist nicht nur für Klient/innen und Patient/innen sinnvoll, sondern hat auch gesellschaftliche Bedeutung. Deutschland und Österreich waren nach 1945 traumatisierte Gesellschaften. Zwei von drei Menschen der Kriegsgenerationen erlebten in diesen Jahren traumatisierende Erfahrungen, die Hälfte von ihnen mehrmals. Dies auch als Kinder, ja Kleinkinder, dies sowohl als unmittelbar Betroffene als auch als Zeugen, was genauso traumatisieren kann, wie wenn man unmittelbar Opfer wurde. Und 1945 waren die traumatischen Ereignisse nicht vorbei. Vertreibungen, Vergewaltigungen und Flucht gingen weiter bis 1947/48. Viele Kriegsgefangene kamen erst Anfang der 1950er Jahre zurück.

Der Hungerwinter 1946/47 wirkte auf viele Kinder und Erwachsene ebenfalls traumatisch. Hinzu kamen in den Folgejahren die Flüchtlinge aus der ehemaligen DDR, die auch oft traumatische Erfahrungen hinter sich bringen mussten. Zählt man die zahlreichen zusätzlichen Erfahrungen sexueller und anderer Gewalt hinzu, kann man für die folgenden Jahrzehnte von einer großen Mehrheit der Bevölkerung ausgehen, die traumatische Erfahrungen durchlebt hat.

Wir möchten an dieser Stelle auf das Buch „Wo geht’s denn hier nach Königsberg?“ verweisen, das die Traumata und Leiden der Kriegsgeneration und deren Folgen beschreibt.

Wenn mehrere Generationen in einem Haushalt zusammenlebten, was in den 1950er und 1960er Jahren noch häufig der Fall war, ballte sich das Schweigen der Väter und Mütter, Omas und Opas, Onkel und Tanten manchmal in einer Konzentration zusammen, die heute nur noch schwer vorstellbar sein mag.

Diese Atmosphäre und die Verbreitung traumatischer Erfahrungen hatten individuelle Auswirkungen ebenso wie gesellschaftliche. Das gesellschaftliche Schweigen unterstützte das individuelle und umgekehrt: Das individuelle Schweigen über die traumatischen Erfahrungen und die damit verbundenen Gefühle wurde zu einem gesellschaftlichen.

Wir wissen, dass die meisten Opfer traumatischer Erfahrungen schweigen. Also können wir annehmen, dass die Mehrheit der heutigen Bevölkerung aufgrund dieser historischen Konstellation des Zusammentreffens „alltäglicher“ Traumata und Kriegstraumata von einer transgenerativen Traumaweitergabe betroffen ist. Somit auch die Mehrheit der Klient/innen. Das macht die Beschäftigung mit diesem Thema therapeutisch wie gesellschaftlich bedeutsam.

Wir werden uns am Anfang dieses Buches mit einigen „Basics“ beschäftigen. Wer über die transgenerative Weitergabe etwas lernen möchte, muss wissen, was ein Trauma ist, muss zwischen Traumaereignis und Traumaerleben unterscheiden können und einiges mehr. Dies ist das Thema des zweiten Kapitels. Im dritten Kapitel werden wir uns dann damit auseinandersetzen, wie und warum viele Angehörige der zweiten Generation ähnliche Symptome wie traumatisierte Menschen der ersten Generation haben.

Im daran anschließenden Kapitel stellen wir das wichtigste Ergebnis unserer Untersuchungen vor: die vier Leeren – Leiden, ohne zu wissen, warum. In den Abschnitten danach folgen Darstellungen der Auswirkungen transgenerativer Traumaweitergabe auf die Entwicklung der Identität und der Bindungsfähigkeit, schließlich Beschreibungen vielfältiger weiterer Erscheinungsformen, wie traumatische Erfahrungen an die nächste Generation weitergegeben werden und wie sie sich bei Angehörigen der zweiten Generation zeigen.

Schließlich erzählen wir davon, welche Hinweise und Indikationen es in der Therapie nach unseren Erfahrungen geben kann, die darauf hindeuten, dass eine transgenerative Traumaweitergabe die Symptome, unter denen Patient/innen und Klient/innen leiden, beeinflussen. Und dann, last not least, folgt das Kapitel: Was hilft?

Auf keinen Fall wollen wir hier den Eindruck erwecken, als sei die transgenerative Weitergabe von Traumata die einzig zentrale Quelle von Leiden generell. Sie ist ein, allerdings oft entscheidender Aspekt von tiefem Leid, der sich häufig den traumatischen Erfahrungen unserer Klienten und Klientinnen, den Erfahrungen von Ohnmacht und Gewalt in all ihren Ausprägungen, hinzugesellt. Wir wollen auch nicht den Eindruck erwecken, dass es nicht auch das Gegenteil des Schweigens gibt, z.B. das Überschütten kleiner Kinder mit grausamen Kriegserinnerungen und Erfahrungen sexueller Gewalt, die dadurch überfordert und belastet werden. Doch um diesen Aspekt geht es in diesem Buch nicht, wir stellen ihn beiseite, um uns ganz dem Schweigen und seinen Auswirkungen zu widmen.

Und noch ein Hinweis: Wir beschäftigen uns in diesem Buch ausschließlich mit der transgenerativen Weitergabe von Opfer-Erfahrungen. Auch Täter und Täterinnen schweigen und auch dies hat Auswirkungen auf die nächste Generation. Wir beschränken uns in diesem Buch darauf, wie Opfer traumatischer Erfahrungen diese unbewusst weitergeben, welche Auswirkungen dies hat und was dagegen hilft. Den Täteraspekt zu untersuchen und darzustellen, hätte den Rahmen unseres Forschungsprojektes, unserer Kraft und dieses Buches gesprengt.

Wir hoffen, Sie mit diesem Buch neugierig auf das Thema zu machen, neugierig darauf, gemeinsam mit Ihren Klient/innen und Patient/innen auf die Suche zu gehen.

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"Wo geht's denn hier nach Königsberg?" von U. Baer

"Wo geht's denn hier nach Königsberg?" von U. Baer

Warum dieses Thema aktuell ist
Als meine Frau und ich vor vielen Jahren in einem Altenheim eine unserer Gruppen „Ich bewege mich – ich lasse mich bewegen“ für Menschen, die an Demenz erkrankt waren, anbot, öffnete eine alte Bewohnerin mehrmals die Tür zu dem Gruppenraum und fragte: „Wo geht’s denn hier nach Königsberg?“ Eine Mitarbeiterin der Einrichtung sagte ein wenig schmunzelnd: „Ach, stören Sie sich nicht daran, sie ist dement!“ Vielleicht war die Dame, die immer wieder nach dem Weg nach Königsberg fragte, dement – ich weiß es nicht, auf keinen Fall war ihre Frage nach dem Weg nach Königsberg Ausdruck ihrer Demenz, zumindest nicht nur. Sie war nicht in der Vergangenheit, sondern die vergangene Erfahrung der Flucht aus Ostpreußen war gegenwärtig, hatte sie ergriffen, bestimmte ihr Denken, ihr Fühlen, ihr Verhalten. Der Blick, so erinnere ich mich gut, war suchend, ja verzweifelt, ihre Frage war drängend und wurde immer drängender, da niemand sie ernst nahm und ihr Verhalten „nur“ als „dement“ eingestuft wurde.

Wo geht’s denn hier nach Königsberg? Diese Frage, diese Erfahrung, die bis heute in mir nachklingt, beschäftigte mich weiterhin und begegnete mir in abgewandelter Form immer wieder. Nach vielen Jahren der Forschungen und der Arbeit mit Menschen mit Demenz sowie mit traumatisierten Klientinnen und Klienten, begann ich zusammen mit meiner Frau und Kollegin Gabriele Frick-Baer, mich intensiver mit dem Thema der Aktualität von Kriegserfahrungen in den heute älteren und alten Menschen zu befassen. In Seminaren und Vorträgen begegneten mir zahlreiche Fragen, zum Beispiel: „Warum kann ich das, was mir angetan wurde, immer noch nicht vergessen?“ „Warum wache ich nachts immer noch auf, voller Schrecken, und habe das Bild des jungen Russen vor Augen, den ich erschießen musste, damit er mich nicht erschoss?“ „Mir ist doch nichts passiert, ich habe doch nur zugesehen, warum beschäftigt mich das immer noch?“ „Warum wird meine Frau immer so unruhig, wenn es dunkel wird?“ „Warum kann meine Mutter immer nur bei Licht schlafen und schreckt bei jedem lauten Geräusch auf?“ Solche und viele andere Fragen werden mir von zahlreichen Menschen gestellt und sie zeigen auf, wie aktuell die kriegstraumatischen Erfahrungen heute noch sind, vielleicht mehr denn je.

Deswegen dieses Buch. Ich werde beschreiben, wie sich kriegstraumatische Erfahrungen im heutigen Fühlen, Verhalten und Leiden zeigen, und ich werde darauf eingehen, wie viele und welche Menschen davon betroffen sind. Dann wird es sinnvoll sein, sich damit zu beschäftigen, was Kriegstraumata bzw. Traumata überhaupt sind, wie sie entstehen und wie sie wirken. Dabei wird auch verständlich werden, warum in den Nachkriegsjahren und vor allem in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg über dieses Thema geschwiegen wurde und viele Menschen ihre schrecklichen Erfahrungen erfolgreich verdrängen konnten, bis diese wieder im Alter zum Vorschein kamen und ihren Tribut verlangten. Dabei wird es auch notwendig sein zu betrachten, was die kriegstraumatischen Erfahrungen mit demenziellen Erkrankungen gemeinsam haben – und was nicht.
Über solche Informationen zu verfügen und Zusammenhänge zwischen altem Drama und neuen Leiden zu erkennen, ist hilfreich, weil die betroffenen Menschen und ihre Angehörigen sowie professionelle Begleiter und Begleiterinnen sich und andere dadurch besser verstehen können. Doch dies allein reicht nicht an Hilfestellung, ich werde deswegen im letzten Teil einige Wege beschreiben, wie Menschen, die unter Kriegstraumata leiden, geholfen werden kann. Dabei werde ich im besonderen Maße auch auf die Erfahrungen meiner Frau in der Therapie mit traumatisierten Menschen zurückgreifen.

Von manchen Menschen habe ich den Einwand gehört, dass es sich doch kaum noch lohne, sich mit diesem Thema zu beschäftigen oder gar ein Buch dazu zu veröffentlichen, da das Kriegsgeschehen so lange her sei und immer weniger Kriegsteilnehmer und -teilnehmerinnen leben. Ich bin anderer Meinung. Ich höre bei jedem Vortrag, in jedem Seminar, in jedem Gespräch mit alten Menschen von der Not, die Kriegs- und Nachkriegserfahrungen immer noch hervorrufen. Und mag der 2. Weltkrieg lange her sein, doch die Nachwirkungen sind immer noch da und betreffen viele Menschen. Der Krieg war nicht im Mai 1945 zu Ende, sondern traumatisierende Erfahrungen, die mit dem Krieg und seinen Folgen unmittelbar zusammenhingen, dauerten noch einige Jahre länger. Setzen wir 1947 als den Zeitpunkt an, an dem die schlimmsten Vertreibungen und Hungersnöte der Zivilbevölkerung vorüber waren und die meisten Soldaten aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt waren, so sind die heute 63-Jährigen am Ende dieser Schreckenszeit geboren und können Folgen aus dieser Zeit in sich tragen. Wer heute 70 Jahre alt ist, war zum Kriegsende 1945 fünf Jahre alt, 1947 sieben Jahre alt und hat mit hoher Wahrscheinlichkeit die Schrecken des Krieges miterleben müssen. Die Anzahl der über 63-jährigen Menschen beträgt rund ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland. Diese Zahl und das Leiden vieler von ihnen machen dieses Buch notwendig.

Wer sich mit diesem Thema beschäftigt, ist versucht, den Leidenden eine Stimme zu geben. All die schrecklichen Erfahrungen, die Millionen Menschen machen mussten, müssen doch aus Schweigen und Tabuisierung herausgeholt und öffentlich gemacht werden! Diesen Impuls kenne ich, doch ich gebe ihm nicht nach. All das Schreckliche hier darzustellen, würde die Leserinnen und Leser selbst in Schrecken versetzen. Diejenigen, die selbst in Kriegs- und Nachkriegszeit Schlimmes erleben mussten, würden wieder in das Erleben dieser Zeit gestoßen. Diese Art von Aufarbeitung geschieht, mittlerweile auch in vielen Medien, schon oft genug und muss von mir nicht noch besonders forciert werden.

Ich habe deshalb, so weit wie möglich, auf Schreckensschilderungen verzichtet. Und doch möchte ich Sie darauf vorbereiten, dass Sie berührt sein werden, ob als älterer oder alter, mittelbar oder unmittelbar von Kriegsgeschehen betroffener Mensch oder als Angehörige/r der nächsten Generation. Denn in Betroffenen wird vieles anklingen. Das ist, will und kann ich nicht vermeiden, denn das ist der Anfang eines heilenden Weges, wenn die Menschen damit nicht allein bleiben. Für viele jüngere Menschen, die von Kriegstraumata Betroffene begleiten, privat oder als Pflegende oder als Therapeut/innen, sind die Geschehnisse des Krieges und der Zeit danach gar nicht oder nur in Bruchstücken bekannt. Deswegen werde ich immer wieder kleine Informationsbausteine einfügen und so versuchen, eine Verbindung herzustellen zwischen geschichtlichem Wissen und der Auswirkung auf und Bedeutung für das Leben und Erleben von kriegstraumatisierten Menschen. Für ausführlichere Informationen füge ich am Ende einige Buchempfehlungen an, in denen sich auch die Quellen der angegebenen Fakten befinden. Informationen über das, was geschah, sind grundlegend notwendig, um die Folgen zu verstehen und Verständnis erweisen zu können.
Das erste Hauptziel des Buches besteht eben darin, Verständnis zu erwecken, Verständnis vor allem für die Folgen der kriegstraumatischen Erfahrungen wie sie sich mir in ihren biografischen Zusammenhängen erschlossen haben. Dafür werde ich v.a. viele kleine Ausschnitte aus Begegnungen mit kriegstraumatisierten Menschen vorstellen, um die Menschen in Worten und Taten selbst zu Wort kommen zu lassen. Das gilt auch in den Teilen des Buches, die sich mit dem zweiten Hauptziel beschäftigen: Wege der Hilfe aufzuzeigen. Diese Wege sind keine Rezepte, die sicheres Gelingen garantieren. Sie entspringen aus Erfahrungen, die vielen Menschen geholfen haben. Ich hoffe, Sie finden daraus Anregungen und Unterstützung für sich, für Ihre Angehörigen, für die Menschen, die Sie begleiten oder pflegen.

Dieses Buch ist für deutschsprachige Leserinnen und Leser geschrieben. Deshalb, und auch, weil die geschilderten Erfahrungen und Begegnungen meine Lebenswelt betreffen, kommen hier die traumatisierenden Kriegs- und Nachkriegserfahrungen der deutschen Bevölkerung zu Wort. Dass dies kein Aufrechnen gegen die unermesslichen Leiden der Bevölkerung der anderen Nationalitäten bedeutet soll oder gar deren Ausgrenzung, ist mir selbstverständlich. Das nationalsozialistische Regime hat Krieg, Verfolgung und Holocaust über Europa und die Welt gebracht. Diese Schuldzuweisung ist eindeutig und in dieser Hinsicht bin ich konsequent parteilich. Und – ich betone: und – jedes Leiden ist ein beklagenswertes Leiden, jedes Trauma ist eins zu viel, jeder Schrecken bedarf Heilung. Ich habe versucht, dieses Buch in der Parteilichkeit für die Leidenden zu verfassen.

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"Schule braucht Gefühl" von W. Barnowski-Geiser

"Schule braucht Gefühl" von W. Barnowski-Geiser

Gedanken vorab:
Ich befinde mich seit knapp drei Jahrzehnten an einem der bedeutungsvollsten Orte unserer Gesellschaft: Ich arbeite, wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen, in der Schule. Ich beschäftige mich folglich, ich mag es hier volkswirtschaftlich ausdrücken, mit der wichtigsten, kostbarsten und nachhaltigsten Ressource, die wir in diesem Land hüten dürfen: unsere Kinder. Ich betone gerade diesen Aspekt am Anfang dieses Buches, da ich während meiner knapp dreißigjährigen Tätigkeiten in Schulen bislang nicht bemerkte, dass dieses kostbare Gut, das sich entwickelnde einzigartige Individuum, der kleine Mensch mit Körper, Seele und Geist, wirklich im Zentrum aller durchaus vorhandenen Bemühungen stünde. Schule wird augenblicklich getadelt, gescholten und neuerdings auch hochgelobt, eigene Schulerfahrungen von Eltern werden ebenso zum Konzept erhoben wie wissenschaftliche Erkenntnisse undifferenziert auf das Feld Schule angewendet, statt die Zeit zu nutzen, endlich herauszufinden, was das einzelne Kind, seine kindliche Seele wirklich braucht.
Ich arbeite in der Schule als Therapeutin und Lehrerin. Besonders in der ersten Funktion beschäftige ich mich mit Kindern, die sich nicht gut fühlen, bei denen es gerade nicht gut läuft, bei denen irgendetwas klemmt, was das Lernen, das Befinden oder das Miteinander erschwert.

„Was hat denn Therapie mit Schule zu tun?“, fragte mich der Schulleiter verwundert und beinahe argwöhnisch, als ich Mitte der 90er Jahre von meinem Ansinnen, neben meinem Lehrerberuf Musiktherapeutin zu werden, berichtete. Als ich meine kreativtherapeutische Ausbildung begann, hatte dies einen Auslöser in zunehmender Unzufriedenheit mit meinem Lehrerinnen-Dasein. Ich nahm zur Kenntnis, dass zahlreiche Schülerinnen (zum damaligen Zeitpunkt arbeitete ich als Lehrerin für Musik und Deutsch in einer Realschule) förmlich in einem Teufelkreis des Versagens festzustecken schienen: Viele hatten emotionale und soziale Probleme, die sie zusätzlich in ihrem Lernverhalten stark beeinträchtigten und sie zugleich allein in großem Unglück zurückließen: Persönliche Probleme führten neuerlich zu Lernschwierigkeiten, aus den Lernschwierigkeiten ergaben sich neuerlich persönliche Probleme etc. – ausweglos erscheinende Teufelskreise. Mir begegneten etwa Kinder, eigentlich recht klug wirkend, die schulisch deutlich unter ihren Leistungsmöglichkeiten blieben und die Einrichtung Schule eher freudlos besuchten. Andere zeigten sich leistungsstark, machten jedoch einen sehr unglücklichen Eindruck, da sie offenbar von anderen Dingen belastet waren, die nichts mit dem Schulalltag zu tun hatten. Manchmal erzählten sie mir in den in der Schule so verbreiteten „Tür- und Angelgesprächen“ von Schicksalsschlägen und großen Sorgen, mit denen ich mich in meinen zeitlichen Spielräumen und meiner pädagogischen Kompetenz überfordert fühlte. Für diese Aspekte gab es in meinem damaligen Schulsystem keinen Raum und keine Zeit, obwohl sich alltäglich große Notwendigkeit und Bedürftigkeit zeigte. Dies fand ich bedauerlich, ehrlich gesagt, machte es mich ziemlich oft sogar wütend, wertvolle Arbeit nicht tun zu können. Mein pädagogischer Alltag stimmte mich, obwohl ich, an gängigen schulischen Kriterien gemessen, erfolgreich arbeitete, oft resignativ. Tagtäglich begegneten sich für viele Stunden Menschen, Lehrer/innen und Kinder, aber die Chance, sie dort weiterzubringen, wo es eigentlich gerade nötig wäre, nämlich in ihrer seelischen Not, wurde nach meinem Eindruck bei allem Bemühen nicht ergriffen. Bildlich gesprochen gewann ich den Eindruck, dass ein Haus eingestürzt war und man mit den Renovierungsarbeiten begann, indem man eine schöne Farbe auf eine Wand im Obergeschoss zu malen versuchte, ohne sich um die Sanierung und Festigung der Grundmauern, also um den Kern der Problematik, zu kümmern. So forderte man etwa immer mehr an Lernleistung ein, ohne tragfähige Konzepte, wie Kinder voller Probleme denn überhaupt lernfähig werden könnten, anzubieten.

Ich arbeite nun seit mehr als 10 Jahren kreativtherapeutisch in der Schule, inzwischen mit großer Selbstverständlichkeit, mit positiver Annahme auf Seiten von Schülerinnen, Lehrer/innen und Schulleitung, und nicht ohne Schwierigkeiten – ich erlebe mein Tun als sinnvoll. Inzwischen sind es immer mehr Menschen, die das Arbeitsfeld Schule als notwendiges therapeutisches Arbeitsfeld entdecken. Aus Supervisionen und Ausbildungsgruppen angehender Therapeut/innen bekomme ich große Begeisterung und Enthusiasmus mit, sich jungen Menschen in Schulen helfend zuzuwenden, und auch die großen Probleme, die dieses besondere Arbeitsfeld ausmacht. Die Pisaergebnisse zeigen uns, neben Fragwürdigem, Notwendigkeiten zur individuellen Förderung, Amokläufe mahnen m. E., neben zurückbleibender und schwer zu überwindender Fassungslosigkeit, brachial an, sich Schüler/innen und Lehrer/innen als das zuzuwenden, was sie sind: Menschen mit Leib und Seele, fühlende Wesen, nicht Lernmaschinen. Gerade jedoch die Bereiche der emotionalen und sozialen Förderung sind Brachland, erfordern neuartige und andere Zugänge über gängige pädagogische Ansätze hinaus. Dies erfordert neuartiges Denken an verschiedenen Schaltstellen. So wie Schule an diesem Punkt meines Erachtens neu gedacht werden muss, muss auch Therapie breiter und anders aufgefasst werden, soll sie helfend wirken. Hier geht es nicht primär um klassische ICD10-Diagnostik, sondern die Leiden und Notwendigkeiten des Systems schreiben individuelle neue Fokussierungen und pragmatisch-zügige unkonventionelle Hilfen vor. Eine Antwort auf die beschriebenen Probleme kann kreativtherapeutische Arbeit in Schulen sein, wie die positiven Erfahrungen in der Gesamtschule Rheydt-Mülfort zeigen: Kreative Therapie wurde in den letzten 10 Jahren in unserer Schule ein zentraler Teil der individuellen Förderung von Schülerinnen, indem wir Kindern helfen, Dinge zu bewältigen, die gerade anstehen – auch abseits des Lernstoffes. Dies bedeutet, insbesondere einen geschützten Raum anzubieten für das, was Kinder fühlen. Erst dadurch kann oftmals wieder eine angemessene Teilnahme am Unterricht und sozialen Geschehen einer Klasse möglich werden. Zentrale Aspekte, die in dieser 10jährigen Arbeit gewonnen wurden, habe ich sukzessiv zum KreTAS-Konzept (Kreativ-Therapeutische Arbeit in Schulen) zusammengefasst.

Ich möchte mit diesem Buch nicht weitere Schreckensszenarien entwerfen und Pauschalratschläge erteilen. Ich schreibe dieses Buch in der Hoffnung, dass mehr Menschen die Chance, Kindern auf ihrem schwierigen Weg in ihr Leben zu helfen, ergreifen mögen. Eltern, indem sie die für die Individualität ihrer Kinder geeignete Schulen suchen, Lehrer/innen, die nicht müde werden, unkonventionelle Wege gehen, Schulverwaltungen, die bereit sind, Neues zu probieren und finanzieren, Therapeut/innen, die nicht starr an praxisfernen Ideologien oder zementierten Kriterien eines längst überkommenen Gesundheitssystem festhalten, sondern ihr Wissen klientenzentriert in den Dienst von Kindern und Schulen stellen. Lehrer/innen dürfen bei der Gestaltung des Lebensraumes von Kindern nicht allein gelassen werden.

Schule ist der Ort, an dem wir jedem Kind dieser Gesellschaft begegnen können und es fördern dürfen. Ein Stätte der Kontinuität, „in einer Welt, in der nichts sicher scheint“, wie es in dem Liedtext der Popgruppe Silbermond heißt. Ich bin sicher, dass in Schulen viel Kompetenz lebt, auf Seiten von Schüler/innen und Lehrer/innen, Kompetenz, die sich zeigt und entwickelt, wenn Kinder (ebenso ihre Lehrerinnen und Lehrer) dort endlich abseits von pauschalisierten Wertungen und Entwertungen geachtet werden als das, was sie sind: Wesen mit subjektivem Empfinden und individuellen Gefühlen.
zum Buch

Aus- und Fortbildungsangebote zu unserern Büchern! Der Autor Dr. Udo Baer und die Autorin Dr. Gabriele Frick-Baer sind Gründer der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, die Aus- und Fortbildungen mit vielen anderen Kolleg/innen thematisch passend anbieten. Erfahren Sie mehr!

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