Beschreibung / Inhaltsübersicht
Kinder aus alkoholbelasteten Familien sind extrem belastet. Sie erleben alltäglich Krisen, die von ihren Eltern oftmals verleugnet und von ihrem Umfeld nicht wahrgenommen werden. Die meisten Betroffenen leiden stumm und unerkannt, oftmals bis ins hohe Erwachsenenalter, ohne je therapeutische Hilfe erfahren zu dürfen.
Waltraut Barnowski-Geiser untersuchte knapp ein Jahrzehnt lang das Erleben Betroffener unter leibtherapeutischen Aspekten. Sie zeigt auf, wie kreativtherapeutische Wege zu dieser vergessenen Hochrisikogruppe aussehen können, und demonstriert in ausführlichen Einzelfalldarstellungen, wie durch ihr eigens für diese Zielgruppe entwickelte Methoden Zugänge und praxisnahe Hilfen für betroffene Kinder und Erwachsene möglich werden können.![]()



So ausgestattet kann die Reise losgehen. Waltraut Barnowski-Geiser schaut 'unterwegs' auf die Partitur, der das familiäre Orchester folgt, Sie benennt die schwierigen Stellen und schafft es, das mit Worten zu erfassen, was so schwer fassbar ist, weil es Tabu ist, weil die Betroffenen zum Schweigen verurteilt sind, weil es ungehörig ist für sie, darüber zu reden, weil diese Partitur schon so in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass sie als normal und nicht erwähnenswert wahrnehmen. Und das ist die große Kunst in dieser Forschungsarbeit: etwas so vehement Beschwiegenes, wie eine Alkoholabhängigkeit und die daraus entstehende Belastung in fassbare Beschreibungen zu bringen. Wie hilfreich sind hier theoretische Begrifflichkeiten der Kreativen Leibtherapie, wie Erregungskonturen, Raum-, Richtungs- und konstitutive Leibbewegungen und die Beschreibung des emotionalen Belastungserlebens und des Körpererlebens.
Wie hilfreich ist es gleichzeitig, den betroffenen Kindern und Erwachsenen eine Stimme zu geben, zum einen in den vielen Zitaten in denen sie zu Wort kommen, zum anderen in der Unterstützung, die sie über die große Resonanzfähigkeit der Autorin bekommen. Übrigens etwas, wozu sie in diesem Kontext ausdrücklich auffordert – auch als Unterstützung für die Diagnostik: „Oftmals ist das Leiden anfänglich ausschließlich über die Resonanz des/der Therapeut/in zu entdecken und will entsprechend achtsam behandelt werden.“ (S. 175)
Diagnostik geschieht über die eigene Resonanz, über ein eigenes Denkmodell: die Belastungs-Trutzburg und über oft übersehene Signale der Betroffenen, die sehr detailliert aufgeführt werden und mir in der Arbeit mit erwachsenen KlientInnen aus alkoholbelasteten Familien immer wieder begegnen. Wenn die KlientInnen mit der Herkunftsfamilie „längst abgeschlossen“ haben. Kein Kontakt mehr. „Die sind für mich gestorben!“ - und das Gewicht, das in einer solchen Aussage liegt, in keinem Verhältnis steht zu einem Zustand des Abgeschlossen-Habens. Wenn plötzlich verkündet wird,dass das Leben wieder in Ordnung ist und keine Notwendigkeit für die Fortführung der Therapie besteht, dann ist das ein (diagnostisches) Signal dafür, dass ich zu sehr in die Nähe des Tabus gekommen bin. Mit aller Deutlichkeit weist die Autorin immer wieder darauf hin, dass das selbstverständliche Aussprechen des Geheimnisses 'Alkoholabhängigkeit bei einem Familienmitglied' Tabubruch und Rückzug bedeuten kann und dass man mit aller Vorsicht zur Seite räumen muss, was davor und darüber gelagert ist, um das Tabu zu ent-decken und zu entzaubern.
Wie die Arbeit mit belasteten Kindern und Erwachsenen - Diagnose, Aufdecken des Tabus, Unterstützung im Alltag, im System Familie - sich gestalten kann, das bringt Waltraut Barnowski-Geiser in ein eigens für die Zielgruppe entwickeltes Konzept: AWOKADO. Von Achtsamkeit bis Offenheit werden sieben Hilfefaktoren aufgezeigt, die für TherapeutInnen ausgesprochen unterstützend und hilfreich in der Arbeit mit Kindern und Erwachsenen aus alkoholbelasteten Familien sind. Im letzten Kapitel findet sich ein wahrer Schatz an musik-, kunst- und körpertherapeutischen Methoden, die Zugang zu und Unterstützung für Kinder sowie jugendliche und erwachsene KlientInnen sein können. Das alles ist eingebettet in die Beschreibung von Therapiesituationen, ergänzt durch die dazugehörigen Anleitungen und die Aussagen von KleintInnen.
Das ganze Buch ist mit seinen theoretischen Grundlagen, seinen diagnostischen Möglichkeiten und den praktischen Anleitungen ein wichtiges Grundlagenwerk und unverzichtbare Orientierungshilfe für die Arbeit mit denjenigen, die bisher in ihrer familiären Trutzburg der Tabuisierung mit der unerkannten Belastung irgendwie allein und meistens mit vielen Spätfolgen zurecht kommern mussten.
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