Frick-Baer, Gabriele 

Kreative Traumatherapie: Aufrichten in Würde

Methoden und Modelle leiborientierter kreativer Traumatherapie

Semnos Lehrbuch

Seiten: 176

Jahr: 2015

Auflage: 2.

ISBN Nummer: 978-3-934933-49-1

Format: kartoniert

19,50 € inkl. MwSt.

Beschreibung / Inhaltsübersicht

Wenn ein Mensch sexuelle Gewalt oder andere Traumata erlebt, ist die kognitive Wahrnehmung im Gehirn nicht überlebensnotwendig und geht deshalb in den 'Sparmodus'. Deshalb sind kreativtherapeutische Zugänge mit Musik und Gesten, Tanz und bildnerischem Gestalten oft der Königsweg, um gespeicherte traumatische Erfahrungen, unter denen Menschen nachhaltig leiden, zu erreichen und Möglichkeiten der Hilfe zu eröffnen und zu würdigen. Das Buch besticht durch seinen reichhaltigen Erfahrungsschatz, der weitergegeben wird, durch handhabbare Praxiskonzepte und die Haltung, die Klient/innen ein 'Aufrichten in Würde' ermöglicht. All das basiert auf ausführlichen Beschreibungen der theoretischen Grundlagen: auf der konsequenten Verknüpfung und Integration von Neurowissenschaften, Säuglingsforschung und Psychotraumatologie mit Leibphänomenologie und Leibtherapie, also mit dem Erleben der traumatisierten Menschen orientierten Diagnostik und Therapie. Ein Buch für alle, die mit traumatisierten Menschen therapeutisch arbeiten oder sie beratend oder unterstützend begleiten.

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Rezensionen

Martin Lenz, Dipl. Musiktherapeut, 28. Mai 2010:
Dies Buch hat mich berührt. Ich kenne Gabriele Frick-Baer als Kollegin und Autorin seit langem und ihre therapeutische Arbeitsweise und ihre Haltung ist mir sehr vertraut. Deshalb hatte ich das erwartet. Und dann konnte ich tatsächlich die gut 170 Seiten nicht mal eben durchlesen, sondern habe das Buch fast Absatz für Absatz mit meinen eigenen Erfahrungen als Musiktherapeut in einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie verglichen. Zudem komme ich gerade von einer Tagung zum Thema Traumatherapie und sehe noch den riesigen Büchertisch mit Fachbüchern dazu vor mir. Nun lese ich kurz aber präzise eigentlich fast alles, was ich selbst mit Menschen erlebe, die traumatisiert wurden, und auch, was diesen hilfreich sein kann, um sich wieder aufzurichten. Es ist erstaunlich, wie praxisorientiert und dennoch wissenschaftlich fundiert ein Buch sein kann, vor dessen Lektüre man nicht wegen eines riesigen Umfanges zurückschrecken muss.
Wesentlich und einführend ist die komprimierte Beschreibung der ganz natürlichen Folgen von Traumatisierungen. In diesem Buch geht es vor allem um sexuellen Missbrauch, und dennoch sind es Phänomene, die sich bei anderem Traumaerleben auch finden. Was für Spuren hinterlassen Traumatisierungen als Erlebnisprozess und wie sind sie auf dem Hintergrund eines leibtherapeutischen Modells zu verstehen und zu behandeln? Das sind die zentralen Fragen. In der Kreativen Leibtherapie nach Baer/Frick-Baer werden die elementaren Lebensfunktionen des Menschen immer wieder auf Phänomene wie Erregungskonturen, Bedeutungsräume, Primäre Leibbewegungen, Raum- und Richtungs-Leibbewegungen, Konstitutive Leibbewegungen, Körpererleben und Körpergedächtnis und Resonanzerleben und Resonanzmuster hin untersucht. Wer sich in diese Terminologie einliest, wird sehr schnell bemerken, dass dies genau die Phänomene sind, mit denen jede Therapie zu tun haben sollte. Ganz nah am Klienten sein, bedeutet in diesem Sinne, etwas von der Grammatik der Gefühle zu verstehen und zum Beispiel Dissoziationen als Schutzreaktion vor Unerträglichem zu verstehen. Und zwar nicht nur hinsichtlich des Denkens und Erinnerns, sondern auch hinsichtlich des gesamten Leibbewusstseins, also des Gewahrwerdens des Körpererlebens, des Erlebens der Sinne, des Erspürens und Erfassens von Situationen der Begegnung, des Erlebens und Ausdrucks von Gefühlen.
Und immer wieder ist es die Sprachlosigkeit, das Sprechverbot oder das nicht Ausreichen von Worten, das gerade mit traumatisierten Menschen regelrecht kreative therapeutische Interaktion fordert. Derartige Möglichkeiten werden in diesem Buch kurz genannt, denn die Autorin hat z.T. mit anderen, u.a. mit ihrem Mann Udo Baer, schon viel dazu veröffentlicht.
Gabriele Frick-Baer hat berechtigter Weise Schwierigkeiten mit standardisierten Phasenmodellen in der Therapie und schlägt deshalb Essentials vor, die jeden therapeutischen Prozess betreffen, die „vier B“: Beziehung, Boden, Begegnung, Bewältigung. Die therapeutische Beziehung ist einerseits der Boden für die Traumaarbeit, andererseits braucht der oder die Klientin einen tragfähigen sozialen Boden, um in der therapeutischen Beziehung dem traumatischen Ereignis zu begegnen. Zur Bewältigung gehört der langwierige Prozess, um sich wieder für das Leben in all seinen Räumen öffnen zu können.
Mir gefällt an der Haltung von Gabriele Frick-Baer ganz besonders ihre klare Auseinandersetzung mit Therapieideologien. Die Auseinandersetzung mit wirklich absurden Ansichten zur Frage von Traumatherapie will ich hier nicht zitieren, weil sie in der Praxis sicherlich kaum von Bedeutung sind. Anders ist es mit dem mir vertrauten Verdikt „Erst Stabilisierung, dann Konfrontation“. Die Autorin sieht diesen Ansatz, der sehr verbreitet ist, sehr differenziert, und es lohnt sich, ihre Argumentation für ein sehr klientenbezogenes Vorgehen genau zu lesen. Denn aus der Praxis weiß ich, dass die strikte Befolgung dieses Ansatzes eben auch zu Retraumatisierungen führen kann.
Das Buch beschreibt darüber hinaus auch kurz Zusammenhänge zwischen sexueller Gewalt und der Krankheit Fibromyalgie sowie Essstörungen.
Mir selbst geht die aufgeworfene Frage nach, wie mit der Hilflosigkeit umgegangen werden kann, wenn klar ist, dass Menschen, die eigentlich eine stationäre Therapie bräuchten, eben gerade durch diese getriggert werden oder würden. Ich kenne Menschen, die den Aufenthalt in einer Klinik erniedrigend, demütigend oder auch gewaltvoll erlebt haben. Es gibt also immer wieder auch das Dilemma, dass man als Therapeut/in nicht weiter weiß, hilflos wird. Hilflos macht auch immer wieder die Tatsache, dass für manche traumatisierte Menschen die Welt voller Trigger ist und dies oft viel bedrohlicher ist, als die Begegnung mit dem Traumaerlebnis in der Therapie. Bescheidenheit und Loslassen vom Anspruch, alles heilen zu können, sind notwendige Begleiter jeder Traumatherapie. Das beschreibt die Autorin.
Ich habe das Buch mit innerer Begleitung vieler Patienten und Patientinnen lesen können, mit denen ich in vielen Jahren immer wieder darauf gestoßen bin, dass Therapie im Grunde genommen ein Wachstumsprozess ist. Der fordert aber, dass das Aufrichten in Würde – wie der Buchtitel es nennt – geschehen darf und nicht muss., Dass ich als Therapeut dabei sein darf, ist eine besondere Situation für die Beteiligten. Sie gelingt nur in der Achtung des unglaublichen Leids der Patient/innen und der manchmal unvorstellbaren Kraft, die es gekostet hat, dieses Leid überlebt zu haben.
Das Buch erinnert mich insofern an die gelungenen Wachstumsbegleitungen, machen mir aber auch schmerzlich klar, wo ich dem nicht gewachsen war oder die Bedingungen für das Aufrichten in Würde nicht gegeben waren. Und es ermutigt, therapeutisch mutiger zu sein!

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Aus- und Fortbildungsangebote zu unserern Büchern! Der Autor Dr. Udo Baer und die Autorin Dr. Gabriele Frick-Baer sind Gründer der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, die Aus- und Fortbildungen mit vielen anderen Kolleg/innen thematisch passend anbieten. Erfahren Sie mehr!

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